Agora Isonomia

Blog für radikale Fariness

Der Prosument

Wenn der Kunde zur Ware wird

Wer oder was ist ein Prosument? Du bist ein Prosument. Während du diesen Blog angeklickt hast und somit „Klicks“ generiert hast, warst du ein produktiver Konsument. Der Begriff setzt sich zusammen aus Produzent und Konsument. Wir produzieren Daten, Klicks und Arbeit während wir gleichzeitig konsumieren. Beides auf einmal. Ohne es zu wissen und ohne dafür bezahlt zu werden. Mittlerweile sind wir immer öfters Prosumenten, ohne dass wir es merken oder etwas dagegen tun. Wenn jeder „Boomer“ oder sogar auch noch „Millennial“ jedoch zurückdenkt, wird er sich erinnern, dass unserer Oma am Bankschalter noch der Erlagschein ausgefüllt worden ist, während wir heute größtenteils mit Maschinen und Kartenlesegeräte zu kämpfen haben.

Das Alles ist so schleichend gekommen, dass es jetzt mittlerweile normal ist, beim Supermarkt als Mitarbeiter tätig zu sein und sich selbst zu kassieren, beim IKEA bald in den Wald hineingehen muss, um den Baum selbst zu fällen oder im Vapiano sich selbst kellneriert. Da fragt man sich als ehemaliger Kunde, jetzt Prosument, ob sich das damit ersparte Geld, dass durch erbrachte Dienstleistung wie Kellnerieren, Kassieren oder Bankgeschäfte vollends allein zu erledigen, im Preis widerspiegelt, während man bei Starbucks einen Kaffee um 10 Euro schlürft. Sichtlich nicht! Doch damit ist noch nicht alles aus dem Prosumenten herausgeholt.

Zusätzlich werden die von ihm generierten Daten, die er auf Apps, Kundenkarten und im Internet produziert, gespeichert und an den Höchstbietenden verkauft. Der Käufer analysiert damit sein Verhalten und Vorlieben um die Werbung für seinen speziellen Typ auf fast allen Medien wie YouTube, Google, Amazon usw. maßzuschneidern. Nun wurde nicht nur aus seinen Daten Geld gemacht, ohne dass er je einen Cent davon gesehen hat, sondern er hat noch dazu beigetragen, dass er ab jetzt in einer Blase lebt, in der ihm YouTube, die für ihn angepassten Songs, Netflix die ausgewählten Videos, Kochratgeber nach seinem Geschmack treffende Rezepte, usw. vorschlägt. Wo ist hier die Willkür des Lebens und der freie Wille, fragt sich der eine oder andere aufgeklärte Mensch. Zurecht!  Das Leben zu leben, heißt Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen! Doch sind Entscheidungen, die man in einer Bubble trifft, noch Entscheidungen oder nur die Illusion einer Entscheidung und wird uns nicht damit ein großes Stück Verantwortung und mindestens ein kleines Stück vom Menschsein genommen?

Um dieses Stück vom Menschsein wieder zurückzuerlangen ist es noch nicht zu spät. Es hat sich zwar in den letzten Jahren eine immer rasanter werdende Eigendynamik entwickelt, aber mit den richtigen Schritten und Hebeln gibt es einen Ausweg aus dem Prosumenten-Dasein. Doch dazu müssen globale Gesetze erlassen werden und es muss ein verändertes Bewusstsein über Daten kultiviert werden. Die voranschreitende Entwicklung der künstlichen Intelligenz und deren Integration in den Alltag hat die Situation des Prosumenten dramatisch verschärft. Nicht nur Daten werden gesammelt, sondern Entscheidungen, Emotionen und Gedanken werden vorhergesagt und geformt. Der Prosument von heute ist nicht mehr nur produktiver Konsument. Er ist Rohmaterial für Systeme, die ihn längst besser kennen als er sich selbst. Daten werden von den Leuten aus Silicon Valley und China als das neue Erdöl betrachtet. Doch Daten sind Eigentum jeden Individuums und sollten besser abgesichert und geschützt werden als mit einem Häkchen bei den AGB‘s. Wie und was mit meinen Daten passiert, sollte jedes Mal abgefragt werden müssen in jeder einzelnen Situation. Dies sind zwei der wichtigsten Vorschläge, wobei damit bei Weitem nicht Alles getan ist, um das Ruder wieder vollends umzureißen. So müssen Algorithmen und Daten dort genützt werden wo es Sinn macht und nicht dem Turbokapitalismus und der Werbung zur Gehirnwäsche dienen. Es gibt Bereiche wie in der Medizin oder in der Verkehrskontrolle, bei denen Daten sammeln wichtig und richtig sind, doch ist auch klar, dass der Schutz gerade im Hinblick auf den zunehmenden Einsatz von prädikative, KI-gestützten Systemen immer stärker in den Fokus gerät. Daten sollten hier kontrolliert, transparent und vor Allem anonymisiert sein. Sie dürfen nicht genutzt werden, um über personalisierte Profile im Internet Verhalten oder Wünsche und Bedürfnisse zu manipulieren, denn dies wäre ein Eingreifen in den freien Willen und in das Menschsein. Die Frage ist nicht, ob wir Prosumenten sind. Die Frage ist, ob wir es bleiben wollen.


Agora Isonomia – Blog für radikale Fairness.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert