Agora Isonomia

Blog für radikale Fariness

Karl Marx auf der Jobsuche im modernen Bewerbungsprozess

Über Algorithmen, Entfremdung und die unsichtbare Macht im digitalen Recruiting….

Stellen Sie sich vor, wir schreiben das Jahr 1848 und Ihr Name ist Karl Marx. Sie blättern in einem Londoner Tee-Salon durch die „Times“, auf der Suche nach einer Arbeit, die Ihrer Bildung und Ihrem politischen Geist entspricht. Plötzlich werden Sie wie aus dem Nichts in die Gegenwart katapultiert, in ein modernes Kaffeehaus mit WLAN, Laptop und auf dem Bildschirm flackert ein digitales Bewerbungs-Interface. Sie laden Ihren Lebenslauf hoch und treten ein in den Dialog mit einem Chatbot, der Ihnen freundlich, aber automatisiert antwortet.

Wie würde Karl Marx auf diese Situation reagieren? Würde er staunen über den technologischen Fortschritt, die breite Zugänglichkeit, die Effizienz und das Versprechen von Fairness und Gleichheit? Oder würde er in der algorithmischen Vorauswahl einen neuen Ausdruck jener Entfremdung sehen, die er bereits im 19. Jahrhundert beschrieben hat? Die Antwort liegt auf der Hand. Und sie ist unbequem.


Die alte Idee in neuem Code

Marx Abhandlungen über Fabriken und dem Kapital im 19. Jahrhundert ist erschreckend aktuell. Vor allem die von ihm benannte Entfremdung, in der der Moment, bei dem der Mensch aufhört ein Subjekt zu sein, und zum Objekt wird, wirft unter der heutigen Perspektive betrachtet erneut Fragen zur sozialen Gerechtigkeit in der heutigen hochdigitalisierten und von Algorithmen bestimmten Welt auf. So erschien der Arbeiter in der damaligen Zeit als einfaches Mittel zu Zweck, reduziert zur einfachen Ressource und verwertbaren Einheit innerhalb eines Systems, das ihn nicht als Menschen sieht, sondern als Faktor.

In der Fabrik war es der Arbeiter der sein Produkt nicht mehr kannte, der Prozess, der ihm entzogen wurde, die Entscheidung, die nie bei ihm lag.

Im digitalen Recruiting von 2025 ist es der Bewerber, der seinen Lebenslauf hochlädt und nie erfährt, warum er abgelehnt wurde. Der sein Anschreiben optimiert – nicht für einen Menschen, sondern für einen Algorithmus. Der sich selbst in Datenpunkte übersetzt, weil das System nur Datenpunkte versteht.

Der Mechanismus ist derselbe. Nur unsichtbarer. Und schneller.


Die Black Box entscheidet

Moderne Recruiting-Algorithmen, sogenannte Applicant Tracking Systems, kurz ATS, scannen heute Lebensläufe nach Schlüsselwörtern, bewerten Profile nach Mustern, sortieren Menschen in Kategorien. In manchen Unternehmen erreichen über 75 Prozent der Bewerbungen nie einen menschlichen Recruiter.

Das klingt nach Effizienz. Für das Unternehmen ist es das meistens auch.

Aber was passiert mit dem Menschen auf der anderen Seite? Mit jemandem dessen Lebenslauf das falsche Wort enthält, die falsche Formatierung, die falsche Lücke? Der aussortiert wird, bevor er je die Chance hatte zu zeigen, wer er ist?

Forschung zeigt, dass Bewerber algorithmische Prozesse als weniger fair, weniger menschlich, und weniger transparent erleben als traditionelle Verfahren. Sie fühlen sich nicht bewertet, sondern verarbeitet. Nicht gesehen, sondern gescannt.

Das ist Entfremdung. Nicht als philosophisches Konzept, sondern als gelebte Erfahrung an einem ganz normalen Montag.


Macht die sich versteckt

Der französische Philosoph Michel Foucault hat beschrieben, wie Macht in modernen Gesellschaften nicht mehr durch sichtbare Gewalt funktioniert, sondern durch unsichtbare Strukturen. Durch Normen. Durch Bewertungssysteme. Durch das Wissen, dass man beobachtet wird.

Er nannte es das Panoptikum. Ein Gefängnis, in dem die Insassen nie wissen, ob sie gerade beobachtet werden. Genau dieses Unwissen lässt sie immer so verhalten, als würde man sie immer observieren.

Digitale Recruiting-Algorithmen sind das moderne Panoptikum. Bewerber wissen, dass ein System sie bewertet, jedoch nicht, wie, wann und nach welchen Kriterien. Also passen sie sich an. Optimieren ihren Lebenslauf für Maschinen. Verstecken Lücken. Formulieren sich selbst um, bis sie in die erwarteten Kategorien passen.

Die Kontrolle muss gar nicht ausgeübt werden. Sie wirkt allein durch ihre Möglichkeit.


Wer profitiert – und wer zahlt?

Algorithmische Systeme versprechen Objektivität. Keine menschlichen Vorurteile, keine schlechten Tage, keine Sympathie und Antipathie. Das klingt fair.

Aber Algorithmen sind nicht neutral. Sie wurden von Menschen programmiert, mit Daten trainiert, die menschliche Entscheidungen der Vergangenheit widerspiegeln. Wenn diese Entscheidungen Vorurteile enthalten, dann lernt der Algorithmus diese Vorurteile, reproduziert sie und skaliert sie.

Die kapitalistische Logik die Marx kritisiert hat verschwindet nicht durch Digitalisierung. Sie verlagert sich, versteckt sich in Codes und wird schwerer angreifbar, da sie nicht mehr sichtbar ist.


Was das bedeutet

Marx hat uns gelehrt, dass Systeme nicht neutral sind. Dass hinter jeder Struktur Interessen stehen. Dass die Frage nicht nur lautet, wie effizient ein System ist, sondern für wen und was.Digitales Recruiting ist kein technisches Problem. Es ist ein gesellschaftliches. Es entscheidet wer Zugang zu Arbeit bekommt, wer gesehen wird, wer unsichtbar bleibt.

Und solange wir das als rein technische Effizienzfrage behandeln, werden wir die falschen Antworten suchen.

Marx würde das sofort verstehen. Die Frage ist, ob wir es auch tun. Die Frage ist, ob wir es auch tun. Ein Gespenst geht durch Europa. Das Gespenst des Technofeudalismus.

Agora Isonomia – Blog für radikale Fairness.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert