Apparatus Artificialis Teil 1: Des Kaisers alte Kleider

Der Schuh, der die KI zerstört

Schuhe trugen schon die Römer. Ob sie damals schon andere Zwecke dienten, das wissen die Götter. Jedoch wurden sie in der menschlichen Geschichte des Öfteren für andere Zwecke verwendet, wie zum Zerstören von Maschinen. Tatsächlich warfen französische Arbeiter im 18. Jahrhundert ihre Schuhe, auf französisch „Sabots“, in die Spinnmaschinen. Das Wort Sabotage erinnert noch heute daran: Mit einem Schuh lässt sich ein System zum Stillstand bringen. Die Frage ist nicht, ob Widerstand möglich ist. Die Frage ist: Mit welchem Schuh zerstört man die KI? Mit welchen Mitteln lässt sich ein System zum Stillstand bringen, das keine Maschinen mehr hat, sondern Algorithmen?


Technologie als Geisel

Der Wettkampf um künstliche Intelligenz ist kein technologisches Problem. Die Utopie der Tech-Giganten ist auch kein neues System oder die Lösung und Erfüllung eines Versprechens in eine neue und bessere Welt. Ein System, das nach ewigem Wachstum verlangt, verlangt auch nach ewiger Verbesserung und ewigen Fortschritt. So sind sie viel eher Symptome eines im 18. Jahrhundert gestarteten technologischen Fortschritts, der nicht nur über die Jahrhunderte im Schatten des Kapitalismus ungehindert voranschritt, sondern als Geisel für den Erfolg und die Rechtfertigung des Kapitalismus diente. Ein Erfolg der als Freiheit und Wohlstand verkauft wurde. Bei näherer Betrachtung jedoch wird schnell klar, dass die wenigsten technischen Errungenschaften in Altruismus wurzeln. So sind alltägliche Dinge des Fortschritts, wie GPS, Internet, und die neueste Generation von Telefonen Errungenschaften des Militärs oder getrieben von Profit.


Vom Auto ohne Sitzheizung überrollt

Durch die rasante Entwicklung immer neuere und bessere Modelle, wird KI nicht als technologische Fortschritt, sondern als neue und eigenständige Technologie wahrgenommen und kann so als das Einleiten einer neuen Ära der Menschheit dargestellt werden. Entkoppelt von der Entwicklung der Computer, versuchen Tech-Giganten, dies als neue Stufe und ultimative Lösung aller Probleme auf diesen Planeten zu verkaufen.  

Sieht man sich die einzelnen großen Stufen des technologischen Fortschritts genauer an, so erscheint jede Generation die nächste Entwicklung sehr rasant. Kaiser Wilhelm II am Pferd würde dies genauso bestätigen, wie die Großmutter die online ihren Flug bucht. Mit dem Blick auf die Gesamtentwicklung lässt sich hingegen feststellen, dass die Zeit vom ersten Computer, des von Konrad Zuses 1941 entwickelten Z3, eine Maschine, die vollautomatisch, frei programmierbar und digital arbeitet, bis zum Computer-Chip im Smartphone, doch 80 Jahre liegen.

So schnell das Auto Kaiser Wilhelm II überrollte, die vom Satelliten gesteuerte Sitzheizung erlebte er nicht

Der Definition folgend aber, ist aus rein technischer und hardwarebezogener Sicht die KI lediglich eine Weiterentwicklung. Künstliche Intelligenz ist kein magisches Wesen, sondern das Resultat von massiver Rechenleistung auf moderner Computer-Hardware. Am Ende des Tages macht eine KI genau das gleiche wie Konrad Zuses „Z3“ oder das „Mailüfterl“. Sie verarbeitet digitale Daten (0 und 1) nach mathematischen Regeln.


Des Kaisers alte Menschenrechte

Wie damals, glaubte Kaiser Europa an das Pferd. Es sah zwar das Auto auf sich zukommen, aber versuchte die Gefahr durch Regulierungen abzuwehren. Zur Argumentation dienten, die von vielen europäischen Staaten mitgestalteten und mitgegründeten Menschenrechte. Rechte, die in einer Zeit entstanden, als der Z3 gerade einmal 7 Jahre existierte und die Welt in zwei Lager geteilt war. Die Welt hat sich weiterentwickelt, die Menschenrechte blieben immer gleich. Während Europa noch versucht, dem algorithmischen Goliath mit den verstaubten Paragrafen des analogen Zeitalters Beine zu machen, stellt sich die Frage: Schützt uns das alte Recht noch oder tragen wir längst des Kaisers neue Kleider?


Der nackte Kaiser

Der Glaube an Narrative ist eine starke Kraft. Doch so wie das kleine Kind den nackten Kaiser im Märchen entlarvt, so stellen die westlichen Akteure die UNO und die Menschenrechte mit eigenen Taten jeden Tag bloß. Entlarvt von der restlichen Welt, die längst erkannt hat, dass die Menschenrechte lediglich die nicht vorhandenen Kleider des Kaisers sind. Somit ist Europa durch die Regulierungen nicht nur abgehängt im globalen Wettstreit, sondern hat an Glaubwürdigkeit und Argumentationskraft verloren. Europa ist nackt wie der Kaiser und der Rest der Welt sieht es wie das kleine Kind.



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