Über Aufzüge und Sitzheizungen…
Produkte wurden erzeugt, um Funktionen auszuführen. Funktionen, die das menschliche Leben verbesserten und der Sinn des Produktes in seiner Funktion selbst lag. Jede andere mit der Zeit weiterentwickelte Veränderung im Zuge der Verbesserung und Optimierung, der keine wirkliche Funktion zuzuschreiben war, kann, wie in dem Beitrag „Designte Kunst“ herausgearbeitet, unter dem Begriff des „Designs“ eingeordnet werden.
Dasselbe Muster zeigt sich bei der Diversifikation von Produkten. So wurden Produkte diversifiziert nach Funktion. Der Weg vom geschliffenen Stein hin zum Schweizer Taschenmesser mit 25 Funktionen war ein langer, jedoch von Funktionalität geprägt. Verschiedene Messer wurden für unterschiedliche Funktionen produziert und mit voranschreitender Technik fortwährend in ihrer Funktion spezialisiert. Es entstanden Brotmesser, Käsemesser, Fleischmesser, die jedoch auch in ihrer spezialisierten Funktion begrenzt sind. Man wird sich schwertun mit einem Brotmesser ein Schwein zu zerlegen oder mit einem Skalpell ein Brot zu streichen.
Der Weg zur Ausführung in 25 verschiedenen Farben und Editionen war ein viel kürzerer. Der, dem Henry Ford nachgesagte Satz: „Jeder Kunde kann seinen Wagen beliebig anstreichen lassen, wenn der Wagen nur schwarz ist“, ist gerade einmal 100 Jahre alt. Am Ende dieser ein Jahrhundert langen Reise finden wir uns in einer Welt wieder, in der Zelte vor Apple Läden aufgebaut wurden, um das neueste iphone zu ergattern, dass sich nur in der Erscheinung und Farbe von der vorherigen Generation unterschied. Die einzelnen iphone Generationen hatten gegenüber ihrer vorrangegangenen Version oft kaum echte Verbesserungen zu bieten. Jedoch brauchte man die neue Generation, um die Kompatibilität und Funktionalität diverser Nebenprodukte, die man in einen virtuellen Raum verlagerte, zu wahren. Will man seine Playlist weiterhören, muss man sicherstellen, dass das Gerät noch mitspielt.
Das ist der entscheidende Unterschied. Früher wurde das alte Produkt nicht unbrauchbar. Heute übernimmt das nicht die Marketing-, sondern die Technikabteilung. Sie zwingt. Nicht mit Werbung. Mit Code. Hatte man früher die CD im Regal, liegt sie jetzt auf einem Datenserver in Texas.
Dieses Muster ist nicht neu. Als junger Praktikant in einem Aufzugunternehmen lernte ich, dass Aufzüge mit komplettem System verkauft wurden, die Parkfunktion jedoch gegen Aufpreis freigeschaltet werden musste. Technisch war alles drin. Ein Schalter in der Steuerungseinheit genügte. Der Kunde wusste es nicht. Heute weiß er es. Und akzeptiert es trotzdem.
So transformiert sich Kapital in virtuelles Cloud-Kapital, das im Unterschied zu physischem Eigentum nicht unabhängig und frei zur Verfügung steht. Am sichtbarsten bzw. spürbarsten wird dieser Shift zur Winterzeit bei einer Ausfahrt eines der neuersten BMW-Modelle. Man besitzt zwar die Sitzheizung, die für einen wohltemperierten Allerwertesten während der Heimfahrt sorgen könnte, hat man jedoch nicht das Abo bezahlt, muss man zum Thermophor greifen.
Besitz ist nicht Eigentum. Wird aus Eigentum Besitz, und nicht abgegolten, so handelt es sich um Diebstahl. Es ist kein juristischer Diebstahl, aber ein moralischer. Eine strukturelle Enteignung, die als Geschäftsmodell verkauft wird.
Die Abhängigkeit entsteht nicht über Nacht. Sie entsteht dadurch, dass Alternativen systematisch verschwinden. Sobald der letzte mp3-Player produziert wurde und der letzte Profit durch Nostalgiker abgeschöpft ist, schließt sich der Kreis. Neu geschaffene Musik wird nur noch digital zur Verfügung stehen. Das ist nicht nur Enteignung. Es ist der Beginn einer strukturellen Abhängigkeit, die nicht bei Musik Schluss machen wird. Wie steht es um Bereiche, die traditionell in staatlicher Hand lagen? Infrastruktur, Sicherheit, Gesundheit. Unternehmen wie Palantir geben eine Antwort darauf. Auch im Bereich des Militärs.
Agora Isonomia – Blog für radikale Fairness.


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